Allgemeines
Als häufigste Ursache für Hörsturz wird eine Durchblutungsstörung des Innenohres auf Grund eines Verschlusses der das Ohr versorgenden Blutgefäße durch kleine Blutgerinnsel (Thrombus, griech. thrombos) vermutet. Alle Faktoren, die eine Verdickung oder erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes begünstigen, wie die beiden Blutfette LDL-Cholesterin und Lipoprotein (a) bzw. der Gerinnungsfaktor Fibrinogen, tragen somit zur Auslösung eines Hörsturzes bei. Auch virale Infektionen und Autoimmunerkrankungen werden als auslösende Faktoren diskutiert.
In einer Studie (prospektive, randomisierte Multicenter-Studie) wurde untersucht, ob sich ein Hörsturz durch rasche Absenkung des LDL-Cholesterins und Fibrinogens im Blut mittels einer einzigen H.E.L.P.-Apherese-Behandlung wirksam therapieren lässt. Verglichen wurde das H.E.L.P.-Verfahren mit der Standardinfusionstherapie. (Suckfüll et al., 2002. Fibrinogen and LDL apheresis in treatment of sudden hearing loss: a randomised multicentre trial. The Lancet, 360, 9384, 1811-1817.)
Methode
In der Studie wurden zwischen Januar 2000 und Juli 2001 insgesamt 201 Hörsturz-Patienten im Alter zwischen 18 und 80 Jahren an den Universitätskliniken Berlin, Bochum, Hamburg und München untersucht. Die Patienten litten alle an einseitigem Hörsturz und begannen innerhalb von sieben Tagen nach Eintreten des Hörverlustes mit der Behandlung. Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen wie Blutgerinnungsstörungen, chronischem Nierenversagen (Niereninsuffizienz), infektiöser Gelbsucht (Hepatitis B, C) oder bösartigen Tumoren wurden von der Studie ausgeschlossen. Ebenfalls ausgeschlossen wurden Patienten mit einer bereits vor dem Hörsturz festgestellten Erkrankung des Innenohres (z.B. Morbus Menière) und Patienten, deren Hörsturz schon mit einer anderen Methode behandelt worden war. Von allen teilnehmenden Patienten wurde nach erfolgter Aufklärung eine schriftliche Einverständniserklärung zur Teilnahme am Prüfungsverfahren eingeholt.
Die Patienten wurden entweder stationär zehn Tage lang einmal täglich mit der herkömmlichen Infusionstherapie (Kortison und Plasmaexpander) oder mit einer einmalig zwei Stunden lang durchgeführten ambulanten H.E.L.P.-Apherese behandelt. Die Aufteilung der Patienten in diese beiden Behandlungsgruppen erfolgte nach dem Zufallsprinzip (= randomisiert). Vor und 48 Stunden bzw. 6 Wochen nach Therapiebeginn wurden Hörprüfungen (Tonaudiometrie, Tympanometrie, Stapediusreflexmessung, Freiburger Sprachtest), Hirnstammaudiometrie und otoakustische Emissionsmessungen durchgeführt, um den jeweiligen Behandlungserfolg festzustellen.
Ergebnisse
Die Ergebnisse der Studie zeigten Vorteile der durchgeführten H.E.L.P.-Apherese gegenüber der zehntägigen Infusionstherapie. Bei 84 % der Patienten, die einmalig mit der H.E.L.P.-Apherese behandelt worden waren, konnte sechs Wochen nach der Therapie eine Wiederherstellung des Hörvermögens (Remission) festgestellt werden. Bei der zehntägigen Infusionstherapie lag die Remissionsrate 6 Wochen nach Therapiebeginn dagegen bei 78 %. Studien zufolge kann sich bei bis zu 60 % der Patienten ein Hörsturz ohne Behandlung bessern. Beide in der Studie getesteten Therapieverfahren zeigten einen deutlichen Behandlungseffekt, der bei der Anwendung der H.E.L.P.-Apherese geringfügig, allerdings statistisch nicht signifikant größer war als bei der Anwendung der Infusionstherapie.
Bei der Auswertung des Freiburger Sprachtests (Ermittlung des Schalldruckpegels in dB, bei dem 50 % von vorgespielten Zahlen verstanden werden) zeigte sich 48 Stunden nach Therapiebeginn in der mit der H.E.L.P.-Therapie behandelten Gruppe eine signifikant größere Verbesserung des Sprachverständnisses für Zahlen als in der mit der Infusionstherapie behandelten Gruppe. Das Hörvermögen bezüglich Sprache, dass bekanntermaßen für das soziale Wohlbefinden der Patienten besonders entscheidend ist, konnte also mit der H.E.L.P.-Apheresebehandlung deutlich schneller wiederhergestellt werden als mit der Infusionstherapie. Auch sechs Wochen nach Therapiebeginn war das Sprachverständnis in der mit der H.E.L.P.-Apherese behandelten Gruppe noch besser als in der Gruppe, die mit der Infusionstherapie behandelt wurde. Dieser Unterschied war allerdings nicht mehr signifikant. Es zeigte sich somit, dass die H.E.L.P.-Apherese hinsichtlich des Sprachverständnisses vor allem frühzeitige Verbesserungseffekte bringt.
Insgesamt profitierten insbesondere Patienten mit hohen LDL-Cholesterin- oder Fibrinogenwerten von der Behandlung mit der H.E.L.P.-Apherese. Dieses Ergebnis spricht dafür, dass Hörsturz nicht ausschließlich auf der Grundlage von Gefäßstörungen entsteht. Die Autoren der Studie nehmen an, dass vor allem bei Hörsturzpatienten mit hohen LDL-Cholesterin- bzw. Fibrinogenspiegeln im Blut Durchblutungsstörungen als auslösende Ursache im Vordergrund stehen, so dass die H.E.L.P.-Apheresebehandlung bei diesen Patienten besonders wirksam ist.
|